Naturerleben heute ?

Falter

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Wir wollen Natur erleben. Da stimmen Viele zu, der Städter und der Landmensch, der Politiker im Rampenlicht und der Waldschrat. Natur ist Gegenteil von bis ins Kleinste durchgeplant. Stadt, Büro, Werkhalle sind menschengemachte Welten. Der unerwartete Austrieb eines Topfveilchens, das knorrige Astwerk eines alten Parkbaums, die Frühlungsblumen am Feldrand, der große Wald, all dies ist Natur, obwohl der Mensch überall hineingewirkt hat. Das nimmt der Natur jedoch nicht ihren Kern: Sie lebt aus sich heraus und bringt ihre eigenen Formen hervor.

Wildnis, von Menschen  unbeeinflusstes  Land gibt es in Mitteleuropa kaum noch. Politiker, die naturnahe Landschaften für technische Anlagen nutzen wollen, sagen gerne: „Diese Landschaft ist Kulturland, Naturnähe ist nichts Besonderes. Wir tun ja was für den Erhalt der Artenvielfalt.“ Das sei anerkannt, aber diese Haltung verkennt die Beziehungen zwischen Mensch und Natur.

Wald

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Psychologen haben diese Beziehung ausführlich untersucht *). Man kann die Befunde nicht einfach wegwischen. Die Haltung eines Menschen zur Natur ist ’natürlich‘ von seiner Lebensweise beeinflusst. Wer von Naturkräften abhängt, ein Landwirt zum Beispiel, neigt eher zu einer geordneten, gebändigten Natur. Ein Werktätiger, in dessen Umfeld eine feste Ordnung herrscht, spürt vielleicht ein starkes Bedürfnis nach Wildnis. Sie befreit ihn von Zwängen des Alltags.

In unserer Gesellschaft ist heute eine Überzeugung weit verbreitet: Die Natur besitzt eigenen Wert, wir sind wesensmäßig mit ihr verbunden. Naturerleben bedeutet heute eine respektvolle Begegnung mit der Natur wie mit einem nahen Menschen !

Rudolf Ahrens-Botzong,
Ludwigswinkel / Südwestpfalz

*) In der Landauer Universitätsbibliothek kann man ein hervorragendes Buch ausleihen:

L. Steg, A. E. Van den Berg, J. I. M. De Groot
Environmental Psychology
John Wiley & Sons, 2013